Neuer Lehrstuhl für Prof. Thomas Becker
Prof. Thomas Becker, bisher Lehrstuhlinhaber an
der Universität Hohenheim, wechselt an die Technische Universität
München. Der neue Lehrstuhl heißt zwar „Brau- und Getränketechnologie“,
doch Prof. Becker wird seinen Schwerpunkt „Getreidetechnologie“ aus
Hohenheim inklusive nahezu aller Mitarbeiter mit an die Isar nehmen.
Dort erwartet ihn nicht nur ein großes und personell wie finanziell
exzellent ausgestattetes Forschungsinstitut für
Lebensmitteltechnologie, Prozesstechnik, Prozessanalyse und
Getreideverarbeitung, sondern auch die Aussicht auf einen Neubau. Der
Wissenschaftsrat hat dafür 27 Mio. Euro bewilligt, Baubeginn ist im
Herbst 2009.
Über die Auswirkungen des Wechsels auf die von ihm bislang gepflegte Forschung im Bereich Getreide und Backwaren sprach brot+backwaren mit Prof. Becker.
Prof. Thomas Becker
brot+backwaren:
Prof. Becker, Sie haben im Vorfeld wissen lassen, dass sie den
Schwerpunkt „Getreidetechnologie“ nicht aufgeben werden, sondern mit
nach München nehmen. Was heißt das konkret?
Becker: Derzeit
sind wir die einzige universitäre Einrichtung, die sich mit der
ingenieurmäßigen Bearbeitung getreidetechnologischer Fragestellung
befasst. Ich bin mir nicht nur der Möglichkeiten, sondern auch der
Verantwortung bewusst. Ich kann die Unsicherheit der Branche, die mit
dem Wechsel verbunden sind, deshalb verstehen. Bereits derzeit läuft
mein Lehrstuhl in Hohenheim thematisch schon zweigleisig. Eine sehr
starke Gruppe befasst sich mit der Getreide- und Backtechnologie, die
andere arbeitet nahezu ebenso intensiv im Bereich von Bier und
Getränken. Natürlich nimmt die Getreide- und Backbranche von den
bisherigen Aktivitäten im anderen Bereich nur wenig Notiz, was auch
nicht nötig ist. Aber sie befruchten sich gegenseitig, denn immerhin
arbeiten beide Bereiche mit dem gleichen Rohstoff, den gleichen Enzymen
und auch den nahezu gleichen Hefen. Eine Synergie und Analogie ist
nahezu zwangsläufig.
Darüber
hinaus werde ich alle meine Forschungsaktivitäten und –projekte mit
nach München nehmen. Dazu gehören sowohl getreide- als auch
getränketechnologische Projekte. Zu diesen Projekten und Aktivitäten
gruppieren sich auch Köpfe. Auch diese wechseln mit mir nach München.
Bei all den Möglichkeiten, die ich mir in Hohenheim aufbauen konnte,
muss man bedenken, dass ich in Hohenheim nur ein ‘Einzelkämpfer‘ war.
Das wird sich in München nun ändern können, wo ich auf Kollegen treffe,
die auch in der Getreidemikrobiologie und –chemie forschen. Natürlich
werde ich mich in München - wie bereits bisher – sehr intensiv mit der
Brau- und Getränkeverfahrenstechnik befassen. Ich beabsichtige sehr
intensiv den Aufbau und die Etablierung der von mir anvisierten
Getränke- und Brautechnologie. Das ergibt sich zwangsläufig mit der
Erweiterung und Vergrößerung der Lehrstuhlaktivitäten, denn es war
natürlich auch mein persönliches Ziel, meinen Aktionsradius zu
erweitern. Auch wenn die Brau- und Getränketechnologie natürlich im
Kern der Forschungspragmatik sitzt, wird die Getreidetechnologie mit
mindestens der gleichen Intensität wie in Hohenheim bearbeitet. Ich
erwarte sogar eine Intensivierung, denn in München sind Möglichkeiten
gegeben, die in Hohenheim nicht vorzufinden sind.
b+b: Der Lehrstuhl heißt „Brau- und Getränketechnologie“, wo ist da Platz für die Backwaren?
Becker: Als
ich in Hohenheim vor vier Jahren begann, hieß mein damaliger Lehrstuhl
„Prozessanalytik in der Lebensmitteltechnologie“. Der Bezug zur
Getreidetechnologie war nicht nur versteckt, sondern er war – anders
als jetzt - schlichtweg nicht vorhanden. Wir haben aber sehr schnell
erkannt, dass die Getreidetechnologie und –verfahrenstechnik für uns
eine Zukunft haben kann, wenn wir es richtig anstellen. ‚Richtig‘ hieß
für uns damals: Wir müssen den Kontakt zur Branche aufbauen, die
Probleme und Notwendigkeiten verstehen lernen und mit innovativen und
kompetenten Ideen und Methoden Lösungsansätze formulieren, die über
einen wissenschaftlichen Anspruch hinaus für die Branche einen Zugewinn
bedeuten. Aus unserer Sicht haben wir einiges geschafft, auch wenn wir
merken, dass wir unsere Schlagzahl noch erhöhen müssen. Daran arbeiten
wir und wollen uns gerne in den nächsten Jahren auch daran messen
lassen. Die letzten Ausführungen sollen nur zeigen, dass es nicht auf
den Namen oder die Verpackung ankommt, sondern auf dessen Inhalt. Und
der wird der gleiche sein, denn ich werde mit nahezu der gesamten
Arbeitsgruppe nach Freising ziehen. Ich hoffe, dass es für die Branche
unbedeutend ist, ob sie mit uns in München oder in Stuttgart
zusammenarbeitet. Natürlich werde ich mich in München sehr intensiv um
die Brau- und Getränketechnologie kümmern, aber aufgrund der
personellen, investiven und sachlichen Ausstattung wird die
Getreidetechnologie nicht nur aufgrund von Synergien und Analogien
profitieren.
b+b: Welche Schwerpunkte werden sie im Bereich Getreide- und Backwarentechnologie in München setzen?
Becker: Die
universitäre Betreuung allgemein für die Getreide- und
Backwarentechnologien wird sich in München nur erweitern. Anders als in
Hohenheim finde ich mit den Arbeitsgruppen um Prof. Schieberle, Prof.
Köhler, Prof. Hofmann und auch Prof. Vogel eine personelle Verflechtung
vor, wie sie in Deutschland und sogar Europa einzigartig ist. Wir
können am Campus Weihenstephan Kompetenzen bündeln und Synergien
nutzen, die wir nur noch mit umsichtiger und engagierter Arbeit füllen
müssen. So können wir - und damit meine ich nicht nur mich - die
gesamte Getreidebranche mit all Ihren Facetten aus einer Hand bedienen.
Dies ist aus meiner Sicht an Effektivität kaum zu überbieten.
Unser
Fokus soll wie bisher im Bestreben liegen, das Verhalten der
verarbeiteteten komplexen Getreidematrix mit all Ihren in
Wechselwirkung mit den dort ablaufenden physico-chemischen Reaktionen
in einem prozesstechnischen und rheologischen Kontext zu durchleuchten.
Das gilt ebenso für die Back- wie die Braubranche. Wir wollen das
Zusammenspiel der Rohware Getreide und den sich daraus ergebenden
Produkt- und Prozesseigenschaften bis hin zum Endprodukt besser
verstehen lernen. Das ist auch unabhängig vom Endprodukt. Wir widmen
uns wie bisher den Themen der Aromaverfahrenstechnik, der
Produktsicherheit, den aktuellen Themen aus der Legislative mit all den
damit verbundenen Auswirkungen und wir wollen uns natürlich den
Anforderungen bezüglich der Konsumentenerwartung und der zunehmend
wichtiger werdenden Techno- und Biofunktionalisierung widmen. Wir
planen den Einsatz neuer Gär- und Fermentationskonsortien. Es stellt
sich die Frage, wo fängt das Produkt aus Getreide an, ein Getränk zu
sein und wann ist es eine Cerealie. Warum sollen wir nicht auch,
ähnlich wie es die Milchwirtschaft in den letzten Jahren sehr
erfolgreich realisiert hat, aus Getreide nicht andere Produktspektren
entwickeln. Denken Sie an Getreideshakes oder Getreidejoghurt oder
vielleicht Proteinshakes auf der Basis von Getreide. Wir denken auch an
das Potential der Technofunktionalisierung aus Getreidefraktionen oder
- inhaltsstoffen. Auch dies sehe ich vom Kontext losgelöst, welches
flüssige oder feste Endprodukt wir aus Getreide produzieren. Warum
denken wir nicht an einen Brotaufstrich aus Getreide oder einen „Käse“
aus Getreide. Wer anders als nicht die Getreide- und Braubranche hat
dieses Produkt- oder Verfahrenswissen, dies am effektivsten
voranzutreiben. Wir werden in München mit neuartigen vor allem auch
bildgebenden Verfahren ganz andere Möglichkeiten besitzen, die
Teigbildungs- oder Strukturierungsprozesse von Korn bis hin zur
Endprodukt zu untersuchen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass daraus
gänzlich neue Erkenntnisse herausgearbeitet werden können. Wir werden
uns neuartige Prozesstechnologien (z-B. kontinuierliche Verfahren,
neuartige Strukturierungsverfahren) anschauen und prüfen, inwieweit sie
für die Getreidebranche einen Zugewinn bedeuten. Wir wollen mit
neuartigen Analysenmethoden die Rohstoffqualifizierung von der Züchtung
der Rohware bis zum Endprodukt auf eine neue Betrachtungsweise heben.
Auch das ist vollkommen unabhängig ob daraus später Bier oder Brot
produziert wird. Schon jetzt sind die Untersuchungsmethoden in beiden
Branchen sehr vergleichbar, wenn nicht sogar in machen Facetten
identisch. Auch mit den neuartigen Methoden der Bioprozesstechnik oder
der Werkstoffkunde lassen sich sicherlich künftig neue Möglichkeiten
erschließen. Dies stellt nur einen Auszug dessen dar, was wir vorhaben
und was wir mit den neuen Möglichkeiten in München sehr zielstrebig vor
allem auch in der Synergie mit der Getränke- und Brautechnologie
bearbeiten können.
Prof. Becker erhält seine Ernennungsurkunde
Am
18. März hat Prof. Thomas Becker seine Ernennungsurkunde bekommen, am
1. April übernimmt er den Lehrstuhl für Brau- und Getränketechnologie
(v.l.n.r.: TUM-Präsident Prof. Herrmann, Vizepräsidentin Prof. Meng,
Prof. Becker, TUM-Kanzler Berger).
b+b: Wie viele Mitarbeiter werden in diesem Bereich mit und für Sie arbeiten?
Becker: Ich
habe 10 hochmotivierte und sehr kompetente Forscher und Entwickler im
Bereich der Getreide- und Backwaren rekrutieren können, die bis auf
eine Person alle aus Drittmittel finanziert sind. Die Gruppe ist schon
jetzt ein nahezu vollständig eigenfinanzierter Selbstläufer. Ich hoffe,
dass es so bleiben kann; dazu brauche ich auch weiter die Unterstützung
der Getreide- und Backindustrie. Sie agieren meiner Sicht nach
schlagkräftig, umsichtig und akzeptiert in der Branche. Drei davon
haben eine Bäckerlehre oder sind gar Handwerksmeister. Wir sprechen
also nicht nur die Sprache der Wissenschaft, sondern sind auch in der
Lage, diese Erkenntnisse in einen anwendungsorientierten Bezug so zu
übersetzen, dass die Branche einen direkten Nutzen davon hat. Dies
mitzugestalten war und ist eine außerordentliche Freude und es wird
auch künftig in gleicher wenn nicht sogar verbesserter Weise erfolgen.
Fast alle diese Personen wechseln mit mir nach München und sind alle
bereits aus Drittmittel finanziert, so dass auch dort die gleiche
Kompetenz wie in Hohenheim ohne Schnittstellenverluste vorzufinden ist.
b+b: Sie haben in Hohenheim die Zusammenarbeit mit der Backbranche und ihren Zulieferanten gepflegt – wird das so bleiben?
Becker: Das
wird nicht nur so bleiben. Ich gehe vielmehr davon aus, dass wir sie
mit den neuen Möglichkeiten in München intensivieren können. Wie
bereits gesagt, finden wir in München ein Umfeld vor, das neben dem
Bereich der Getreidetechnologie bzw. –verfahrenstechnik, das von uns
belegt wird, die Bereiche der Getreidechemie und der
Getreidemikriobiologie in direkter Nachbarschaft einschließt. Sie
können also mit einem Besuch, die Kompetenz aus allen Bereichen in
Weihenstephan abschöpfen. Wir können Probleme interdisziplinär direkt
am Campus diskutieren und Projekte aufsetzen. Ich freue mich darauf.
b+b: Prof. Becker, welches sind die aktuellen Themen, an denen Sie für die Backbranche arbeiten?
Becker: Unsere
derzeitigen Forschungsaktivitäten im Bereich der Getreide- und
Backtechnologie sind in sicherlich 20 Projekten formuliert. Es würde
den Rahmen hier sprengen, alle diese vorzustellen. Wir nutzen derzeit
sehr intensiv den Kontakt zur AGF in Detmold und anderen
Kommunikationsplattformen, um diese Ergebnisse möglichst umfassend und
zeitnah der Branche vorzustellen. Ich habe einen detaillierten
Überblick über diese Aktivitäten auf der letzten Ausschusssitzung der
Bäckereitechnologie der AGF, Detmold geben, die in Hohenheim stattfand.
Ich kann nur hoffen, dass wir den Kontakt auch von München so
fortsetzen, dass ich einerseits die Probleme und Notwendigkeit der
Branche aufgreifen kann und ich andererseits mit meinen Möglichkeiten
und Ergebnisse der Branche die für sie so notwendige Unterstützung
bieten kann. Ich bin mir sicher, dass nicht nur für größere Betriebe,
sondern auch für kleine und mittlere Unternehmen die Kooperation mit
Forschungsstellen eine der effektivsten und wirtschaftlichsten
Möglichkeiten ist, Innovationen voranzubringen. Und ich möchte nicht
nur aus Eigeninteresse betonen, dass der künftige wirtschaftliche
Unternehmenserfolg mit all den sich dramatisch ändernden Bedingungen,
Möglichkeiten oder Beschränkungen an dem intensiven Kontakt zu
Innovation, Wissenschaft und Forschung geknüpft ist.
Bilder: TUM Fotostelle