Auf dem Sterbebette soll Johann Wolfgang von Goethe "Mehr Licht!" gefordert haben. Die Forderung nach Glasnost, also Transparenz beendete auch 70 Jahre Sowjetkommunis-mus. Transparenz als politische Vokabel ist jedoch ein asymmetrisches Ding. Man fordert sie von anderen, beruft sich aber selbst gern auf sein informationelles Selbstbestim-mungsrecht. Die Forderung nach mehr Transparenz gilt in besonderem Maße für den Lebensmittelsektor, der durch eine einzigartige Gemengelage von allgemeiner Betroffen-heit, weitverbreiteten Grundkenntnissen gepaart mit erheblichen Kenntnislücken, romanti-scher Vergangenheitsverklärung, regelmäßigen, auch medial instrumentierten Skandalen und diffusen Ängsten bei immer besseren Ernährungsstatus ohne Mangelernährung ge-kennzeichnet ist. Politiker wären schlecht beraten, der Forderung nach mehr Transparenz nicht nachzugeben: Herstellung von Transparenz schafft der Politik Unterstützung und kostet den öffentlichen Haushalten kaum Geld; die Lasten tragen andere.
Zudem ist Transparenz eine willkommene Ergänzung zu den in den vergangenen Jahren geschaffenen Verbandsklagebefugnissen, die nach Plänen der EU-Kommission künftig noch weiter ausgebaut werden sollen. Transparenzgesetze - wie zum Beispiel das Infor-mationsfreiheitsgesetz, das Umweltinformationsgesetz oder das soeben auf alle Verbrau-chererzeugnisse ausgeweitete Verbraucherinformationsgesetz - schaffen für die Ver-bandsklagen von Greenpeace, Foodwatch & Co gewissermaßen die Klagegründe 'frei Haus' und sichern damit auch die Existenz und die Reputation dieser Umwelt- und Verbraucherverbände. Zudem können solche Verbandsklagen wesentlich zu deren Fi-nanzierung beitragen, was dann die mögliche Kürzung öffentlicher Mittel erträglicher macht. Die aus den USA bekannten 'Prozessdeals' erhöhen ebenfalls für die Kläger die Attraktivität solcher Klagen, weil sie entgegen der gesetzgeberischen Absicht alle Arten von Umwegfinanzierungen möglich machen.
Transparenz erweist sich somit nicht nur als kostengünstiges Politikgeschenk, sondern auch als Marketinginstrument öffentlich alimentierter oder Spenden sammelnder Organi-sationen. Das ganze läuft dann - theoretisch überhöht - 'Meilenstein für die Konvergenz von Transparenz und 'Rechtseffektuierung' durch Verbandsklagen'. Das Wohlfeile paart sich so mit dem Opportunen. Also: Mein seel, was tuhest du dich crencken?
P.S.: Vor Jahren berichtigte das Satireblatt "Pardon" die letzten Worte Goethes. Demnach soll er nicht mehr Licht gefordert, sondern sich als gebürtiger Frankfurter beklagt haben "Mer licht hier werklisch unbequem!".