Der Haselnussmarkt ist seit Jahren ein unberechenbarer Markt
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Der Rohstoffeinkauf hat durch die zunehmenden Preisschwankungen den meisten Einkäufern in den vergangenen Jahren enorme Kopfschmerzen bereitet. Die Finanzkrise hat den Volatilitäten zwar vorerst einen beruhigenden bzw. kaschierenden Mantel übergeworfen, jedoch ist eine Rückkehr der Hochkonjunktur am Rohstoffmarkt unserer Meinung nach nur eine Frage der Zeit. Dies geschieht vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung, des Heranwachsens einer kaufkräftigen Mittelschicht in China und Indien sowie der zunehmenden Konkurrenz um die Verwendung der Rohstoffe (Futter – Nahrungsmittel – Energie). Ein Rohstoff, der sich im Gegensatz zu anderen Rohstoffen nicht beruhigt hat, ist die Haselnuss. Dieser Rohstoff scheint seit Jahren den logischen volkswirtschaftlichen Gesetzen des Rohstoffmarktes zu trotzen. Ein Grund dafür ist die politische Privilegierung des Haselnussbauern, die durch Subventionen wie die Flächenprämien gleichzeitig als Wähler gewonnen werden. Im Hinblick auf die nun anstehende neue Erntesaison beginnt das Rätselraten und die Spekulationen selbst für die Produzenten auf’s Neue.
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| Die Türkei dominiert seit jeher den Markt |
Man kann sich berechtigterweise die Frage stellen: Warum ist dies so? Etwa 75 % aller weltweit konsumierten Haselnusskerne stammen aus der Schwarzmeerregion der Türkei. Diese besitzt durch ihre klimatischen und geologischen Gegebenheiten ein fast einzigartiges Potential für die Kultivierung von Haselnusskernen. Die etwa 4 Mio. Menschen, die in der Wertschöpfungskette für Haselnusskerne in der Türkei arbeiten, sind ein durch die Politik privilegiertes Wählerklientel. Daher sind auch die intervenierenden Eingriffe des türkischen Staates in diesen Rohstoffmarkt durch aktiven Aufkauf und Einlagerung von Rohware durch das türkische Getreideamt (TMO) in der Vergangenheit sowie aktuell durch die praktizierten Flächenprämien erklärbar. Dies ist jedoch nur eine Komponente, die diesen Markt so unberechenbar macht. Die Struktur des Marktes in Form eines Angebotsoligopols ist ein weiterer Faktor für die Unvorhersagbarkeit des Marktes. Etwa 20 Unternehmen realisieren ca. 85 % des türkischen Exports. Diese stehen zwar untereinander im Wettbewerb, sind aber wiederum in starken Exportunionen organisiert.
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Wie überall ist auch im türkischen Haselnussmarkt der Trend zur Konzentration gegeben. Die kleinen Farmer wie auch Exporteure sind im Begriff zu verschwinden; die Großen werden immer größer und professioneller in Bezug auf Technik, Qualität, Logistik und Zuverlässigkeit.
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| Spekulation gehört zum Geschäft |
Vielleicht sind gerade durch die geringe Anzahl von Marktteilnehmern auf der Angebotsseite die Exportpreise im Markt sehr transparent und dadurch wiederum sind die Margen auch sehr gering. Die einzige Möglichkeit für die Marktteilnehmer in diesem Geschäft überdurchschnittlich viel Geld zu verdienen besteht aus einem Mix aus Spekulation, geschickten Devisengeschäften sowie einem ausgereiften Qualitätsmanagement um die Fehlerquote so gering wie möglich zu halten. Dass dies auch schief gehen kann zeigt zum Beispiel der Verlauf der laufenden Saison. Nahezu alle Exporteure wie auch große europäische Importeure haben durch Fehlspekulationen enorme und auch existenzbedrohende Verluste realisiert.
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| Hohe Ertrags-schwankungen sind typisch |
Eines kann man mit Sicherheit sagen. Keine Saison in den letzten Jahren glich der anderen. Im Gegensatz zu anderen Rohstoffen wie z. B. Getreide kommt es bei Haselnusskernen zu Ertragsschwankungen von bis zu 50 % (400.000 – 850.000 t inshell/Saison) innerhalb von wenigen Jahren. Diese enormen Veränderungen bei der Angebotsmenge spiegeln sich natürlich im Preis und damit auch in der Nachfrage wider. Die Ursache der Ertragsschwankungen ist einerseits darauf zurückzuführen, dass speziell die türkischen Haselnusssträucher sehr empfindlich auf Wettereinflüsse, vor allem auf Frost reagieren. Auch sind die Pflanzungen im Gegensatz z. B. zu den kalifornischen Mandelfarmen nicht zu bewässern. Damit hängt hier noch viel von Mutter Natur ab.Trotz allem, sollte es in den nächsten Jahren nur annähernd normal am Markt zugehen, besteht für die nahe Zukunft keine Gefahr, dass es plötzlich keine bzw. zu wenig Haselnusskerne geben wird, da die türkische Regierung nahezu eine komplette Jahresernte eingelagert hat. Wie kam es dazu? |
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TMO als politisches und Interventions-instrument
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Nachdem die Preisvorstellung der Haselnussbauern nicht mehr den Erwartungen entsprach, übten sie Druck auf Ankara aus. Ursprünglich sollte die Fiskobirlik, ein türkisches Haselnussunternehmen aus Giresun, welches sich teilweise über staatliche Kredite finanziert, den Markt regeln. Da die Farmer mit der Arbeit dieser Organisation unzufrieden waren, kam es zu direkten Aufkäufen von Rohware durch das staatliche Getreideamt TMO und damit zu einer Entmachtung der Fiskobirlik. In den letzten Jahren hat die TMO, welche nur Haselnusskerne in der Schale direkt von den Farmern kauft, einen gigantischen Bestand an Haselnusskernen eingelagert. Speziell in der letzten Saison 2008/2009 wurde ca. 40 % der Rekordernte von ca. 850.000 t aufgekauft und eingelagert. Zwar hat sich das staatliche Getreideamt seit der laufenden Saison aus dem Markt zurückgezogen und angekündigt, nicht mehr aktiv in den Markt eingreifen zu wollen, doch wird deren Strategie über den Umgang mit den Lagerbeständen künftig ein entscheidender Faktor im Markt sein. Da im kommenden Frühjahr wieder landesweite Wahlen anstehen, ist auch die Aussage, nicht mehr aktiv im Markt eingreifen zu wollen, nicht gesichert. |
Wie ist der Status quo?
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Die laufende Ernte war mit geschätzten 430.000 – 450.000 t relativ klein und ist nun so gut wie ausverkauft. Produzenten greifen seit einiger Zeit auf Bestandspositionen der TMO zurück. Dementsprechend hoch sind die Preise für laufende Verladungen. Ebenso hat die Schwäche des Euros zu einer massiven Verteuerung dieses Rohstoffes beigetragen. Analog der hohen Preise ist der Export in dieser Saison schwach. Profiteur dieser Situation sind die italienischen Produzenten. Diese konnten ihre Ware aufgrund der türkischen Reserviertheit zu gewissen Zeitpunkten sehr gut abverkaufen.
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| Was erwartet uns in der kommenden Saison? |
Die Ernteschätzungen für die kommende Saison sind gut. Man spricht von runden 600.000 t Haselnusskernen in der Schale, was einer guten Ernte entspricht. Die Ernte im zweitgrößten Anbaugebiet Italien soll mit ca. 80.000 t unterdurchschnittlich ausfallen. Allerdings gehen wir grundsätzlich davon aus, dass die Mengen aus der laufenden Ernte ausreichen sollten um den Bedarf zu decken - zumal die Indikationen für die kommende Ernte derzeit nicht unter dem Mittelwert der letzten Jahre liegen. Daher glauben wir nicht an einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage. Ebenso werden die Marktteilnehmer bestrebt sein die Verluste der letzten Saison zu kompensieren. Wir glauben daher nicht an ein Preisniveau wie in der Saison 2008/2009 und damit nicht an astronomisch hohe Exportzahlen. Darüber hinaus liegen potentielle Alternativen wie z. B. Mandeln im Niveau deutlich unter den Haselnusskernen. Die Exporteure selbst sind trotz der großen kommenden Ernte noch unsicher, können sie sich doch eine weitere Saison mit Fehlspekulationen nicht leisten. Diskussionen über Wetter, die Furcht davor, die Farmer könnten die Rohware zurückhalten, sowie die politische Unsicherheit in Bezug auf das Verhalten der TMO erzeugen ein breites Spektrum an Meinungen und Indikationen. |
| Was sind langfristige markt-bestimmende Faktoren? |
Die Frage, die sich viele stellen, ist, ob dieser Markt sich in Zukunft ändern wird bzw. ob er berechenbarer wird. Über das Berechenbare lässt sich streiten, sicher aber ist, dass sich einiges ändern wird, da sich grundlegende Rahmenfaktoren ändern werden. |
| Die Anbaufläche nimmt kontinuierlich zu |
Die Anbaufläche vergrößert sich von Jahr zu
Jahr und zwar nicht nur in der Türkei. Zusammen mit den hohen Lagerbeständen
und den fluktuierenden Absatzzahlen besteht grundsätzlich das Potential, dass
es plötzlich zu einem Preisverfall kommen kann, zumal die eingelagerten Waren
nicht ewig haltbar sind und der finanzierte Betrag wohl nicht einfach
abgeschrieben wird. Die Exportunionen wollen dies in jedem Fall vermeiden und
sind daher bestrebt, dass der Staat sich aus dem Markt heraushält. Von deren
Seite wäre gewünscht, dass sich der Markt in den nächsten Jahren konstant auf
einem erschwinglichen Niveau einpendelt. Dahinter steckt die Hoffnung, dass der
Absatz, analog dem von Mandeln, stetig steigen soll. Das Potential ist aus
unserer Sicht gegeben, da z. B. der Schokoladenkonsum und damit auch der
Nusskonsum in Ländern wie Indien und China stetig steigen und die Kaufkraft
weiter zunimmt.
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| Alternative Ursprünge treten als Konkurrenz auf |
Doch die Türkei ist nicht ohne Konkurrenz. Besonders im Bereich der naturellen Kerne gibt es einige alternative Ursprünge für Industriequalitäten. Stärkster Konkurrent ist hier nach wie vor Italien. Doch auch Länder wie Georgien, Aserbaidschan und Bulgarien sind mittlerweile salonfähig geworden. Seit neuestem gibt es nun auch südamerikanische Anbieter bzw. Anbauprojekte in der Andenregion (Chile). Hier existieren ebenso Regionen mit geeignetem Klima und niedrigen Produktionskosten. Mengenmäßig können zwar alle alternativen Anbaugebiete, auch kumuliert, der Türkei nicht das Wasser reichen, jedoch wird der Markt für naturelle Ware künftig breiter aufgestellt sein. Für Industrieunternehmen, welche die Ware selbst zu Präparaten verarbeiten können, ist dies sicher eine Chance.
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| Vormachtstellung der Türkei mittel-fristig nicht gefährdet |
Mittelfristig sehen wir die Vormachtstellung der Türkei jedoch noch nicht gefährdet. Die türkischen Produzenten sind den anderen noch weit voraus. Noch ist die Türkei nicht in der EU - sollte dies der Fall werden, hätte dies sicher auch in Bezug auf die Agrar-Subventionen Auswirkungen. Nichtsdestotrotz ist die politische Sicherheit in der Türkei im Gegensatz zu Südamerika oder anderen osteuropäischen Staaten gegeben. Zudem ist die Logistik aus der Türkei sehr gut. Innerhalb von ca. 10 - 14 Tagen nach Abruf erhält ein europäischer Importeur die Ware. Neben diesen Gegebenheiten ist die Türkei im Segment der verarbeiteten Ware den anderen Ländern noch weit voraus. Den Qualitäts- und Hygienestandards der türkischen Fabriken können bis auf einzelne Ausnahmen lediglich die italienischen und spanischen Werke das Wasser reichen. Es wird Jahre an Erfahrung und großen Kapitaleinsatz brauchen, bis andere Produktionsländer dieses Niveau erreichen werden. Außerdem besitzt die Türkei auch aufgrund der kultivierten Sorten noch Wettbewerbsvorteile. So ist z. B. die Varietät Giresunder eine der wenigen Sorten, welche sich nahezu ohne Hautrückstände blanchieren lässt. Gerade hier haben einige italienische Sorten Defizite. |
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Wie in anderen Märkten beobachten wir auch im Haselnussmarkt, dass große Käufer dabei sind einen Vertragsanbau zu organisieren. Somit gehen nicht nur wir in der Summe davon aus, dass die nächsten Jahre sicherlich sehr interessante Jahre werden. Man wird beobachten, wie der Export sich entwickelt und wo sich künftige Absatzkanäle erschließen. Wird Europa künftig noch der (Haselnuss-)KERNmarkt sein?
Peter Birlin, Birlin-Mühle GmbH - 16.07.2010
www.birlin-muehle.de
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