Dr. Daniel Gerbel - Änderungspotential noch nicht ausgeschöpft

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Wie geht es der Backbranche in Osteuropa 20 Jahre nach der Wende und mitten in der Krise? Dr. Daniel Gerbel studierte in Moskau Bäckereitechnologie, bevor er in den Dienst der Diosna GmbH, Osnabrück, trat. Der geborene Slowake ist seit der Wende zuständig für die Märkte Osteuropas und daher ein intimer Kenner der Branche.

 

brot+backwaren: seit dem großen politischen Umbruch in Europa hat die Backwarenbranche Zentraleuropas sich massiv verändert. Jetzt trifft die gegenwärtige internationale Finanzkrise diese Länder  Staaten besonders hart. Hat das Auswirkungen auf die Backwarenbranche in diesen Ländern oder ist die Branche so gut aufgestellt, dass sie, getreu dem Motto „gegessen wird immer“, darauf vertrauen kann, keine größeren Opfer bringen zu müssen?

 

Dr. Gerbel:  Sie hat sich verändert, doch meiner Meinung nach, wurde das Änderungspotential nur zum Teil ausgeschöpft. Nicht immer durch die Schuld der Bäcker. Die Eigentumsverhältnisse haben sich grundsätzlich geändert, das Verhältnis des Kunden zu Backwaren änderte sich weniger (Brot und Backwaren werden in der Gesellschaft als preiswertes bis billiges Grundnahrungsmittel betrachtet, weniger als Genussmittel oder als Ergänzung gesunder Ernährung) und leider ist es auch nicht gelungen, die Backwarenbranche von den „äußeren“ Einflüssen „übergeordneter“  Strukturen zu befreien. In der Vergangenheit war es das Eingreifen der einzigen regierenden Partei, heutzutage werden die meisten Bäckereien von der Preisgestaltung und den Verkaufsbedingungen der Handelsketten „gesteuert“. Die Krise hat nicht gerade zur Änderung dieses Zustandes beigetragen, vor allem die Backbranche in Osteuropa hat weder die finanzielle, noch die gesellschaftliche Kraft, um sich den Auswirkungen der Krise zu entziehen. Ich stimme zu, es werden zukünftig mehr Grundnahrungsmittel konsumiert, auch Brot und Backwaren. Doch dies sind nicht die Produkte, mit denen die Bäckereien in den letzten Jahren relevante Profite erzielt haben.
Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die Krise für die Backbranche schneller vorüber gehen wird, als in anderen Zweigen der Industrie und Ökonomie, dass dieser Zustand die Bäcker sogar stärken wird. Die gesellschaftliche und ökonomische Attraktivität der Branche wird wachsen, bestimmt verbessert sich die Verfügbarkeit von Arbeitskräften, ich hoffe und glaube, dass sich das Interesse an einheimischen Produkten vergrößert, also auch an Backwaren. Falls diese gute Qualität haben…

brot+backwaren: Wie stark ist der Wettbewerb unter den Backwarenanbietern in den Ländern Zentraleuropas und worüber wird er hauptsächlich geführt, über Qualität, Innovation, sprich neue Produkte, neue Technologien wie Tiefkühlteiglinge oder vornehmlich über den Preis

Dr. Gerbel:  Im Allgemeinen kann man sagen, dass wir in den vergangenen Jahren in dieser Region eine bedeutende Verringerung der Anzahl der Backwarenhersteller beobachtet haben. Viele von ihnen sind durch eine negative ökonomische Entwicklung Zugrunde gegangen, es kam aber auch zu einer starken Konzentration der Produktionsstätten. Der Grund dafür war in erster Linie nicht die Konkurrenz, sondern eher der Druck seitens der Handelsketten und die von den Verbrauchern allgemein erwarteten niedrigen Preise. Der eigentliche Konkurrenzkampf findet außerhalb der Bäckereien statt, zwischen den Handelsketten, auf die Bäcker wird dieser nur übertragen. Dieses gilt hauptsächlich für das Grundsortiment, wo das wichtigste Erfolgskriterium der Preis ist. Es ist nur logisch, dass sich der Großteil der Hersteller, vor allem unter den Industriebäckereien, diesem Diktat unterworfen hat. Ich bitte jene Hersteller um Vergebung, deren Priorität die Orientierung an der Qualität ist, doch eine so große Menge an qualitativ minderwertigen Produkten, wie man sie in den vergangenen Jahren auf den Pulten der Geschäfte Osteuropas sehen konnte, ist beispiellos. Leider hält dieser Umstand regional noch an, obwohl sich in letzter Zeit, besonders in den Ballungszentren, auch die Qualität zu Wort gemeldet hat. Es ist verständlich, dass es nicht einfach ist, unter diesen Bedingungen gute Fachkräfte zu bezahlen, zu erhalten, zu schulen und auch zu motivieren. Im Gegensatz zum Westen sterben bei uns Technologen und ausbildende Institutionen aus, und damit auch die Qualität. Die Kenntnis der Technologie der Herstellungsprozesse, die technologische Disziplin der Produktion, welche der Schlüssel zum Erfolg sind, werden in diesen Ländern immer seltener genutzt. Wir müssen dorthin zurückkehren, andernfalls ist der zukünftige Konkurrenzkampf mit professionellen Spielern, welche diese Märkte mit Sicherheit eines Tages betreten werden, von vornherein verloren.
Innovative Produkte sind im Verbraucherkorb der Konsumenten der Region Mitteleuropas im Vergleich mit Westeuropa seltener vertreten, aber mit steigender Tendenz. Ich sehe hier ein riesiges Potential, z.B. das Segment der der TK-Produkte ist im Moment am dynamischsten von allen. Bio-Produkte warten dagegen erst auf ihre Chance.

brot+backwaren: Welche Teile der Branche trifft dieser Wettbewerb am härtesten in welchen Ländern, oder anders herum, welche Betriebe sind die Gewinner der neuen Strukturen?

Dr. Gerbel:  Unter dem größten Konkurrenzdruck stehen ohne Zweifel die industriellen Brot- und Backwarenhersteller. Die industrielle Produktion von Backwaren hat in Zentraleuropa eine Tradition. Praktisch jede Bezirksstadt hatte ihre eigene Industriebäckerei. Heutzutage gilt dies nicht mehr, ihr Bestand hat sich aus verschiedenen Gründen rapide reduziert. In Polen hat praktisch keine von ihnen die „erfolgreiche Privatisierung“  überstanden, in anderen Ländern ist ihr Bestand vor allem als Konsequenz des enormen Drucks auf die Effektivität der Produktion zurückgegangen, auf Grund des Zusammenlegens von Produktionskapazitäten und nicht zuletzt wegen schlechter Führung. Handelsketten tendieren zu Großherstellern, welche über ein breites Sortiment verfügen. Großbäckereien mit einer Leistung von 300 – 400 t Produkte pro Tag, wie wir sie in Westeuropa kennen, existieren in der Region Mitteleuropas bislang noch nicht. Interessant ist aus dieser Sicht der polnische Markt, wo solche zentralisierten Betriebsstätten wohl als erstes entstehen werden, besser gesagt schon entstehen. Ich persönlich denke, dass gerade Polen der Gewinner dieser Region ist, hier würde ich die meisten positiven Beispiele suchen. Nicht nur durch die Marktgröße, auch durch andere Aspekte unterscheidet sich  Polen in seinem Backwarenmarkt auffällig von anderen Ländern. Industriebäckereien haben die Privatisierung bis auf einige Ausnahmen nicht überlebt, an ihrer Stelle entstanden jedoch sehr schnell hunderte kleiner privater Bäckereien, die sich dank der Größe des Marktes und der gesunden Konkurrenz zu starken Untenehmen profiliert haben, welche Produkte mit hoher Qualität herstellen. Die Qualität der Backwaren ist in Polen schon einige Jahre auf einem beneidenswerten Niveau, die Preise waren und sind gleichfalls über dem Durchschnitt der umliegenden Staaten. Ein solcher Markt mit attraktiven Preisen kann eine überstaatliche Konkurrenz natürlich schneller anlocken, wie es im Fall Polens auch geschehen ist. Heutzutage fungieren hier einige starke einheimische und ausländische Unternehmen, die anfangen hauptsächlich mit TK- oder vorgebackenen Waren erfolgreich auf andere Märkte vorzudringen. Bekannt sind auch die polnischen Hersteller von Teegebäck, welches in den Regalen der Supermärkte in ganz Osteuropa zu finden ist.
Ich möchte außerdem nicht vergessen, die kleinen und mittleren Bäckereien und Konditoreien als Gewinner zu erwähnen, die es geschafft haben, dank hervorragender Organisation von Produktion und Verkauf ein eigenes Handelsnetzwerk aufzubauen und sich auf dem Markt mittels exzellenter Qualität eine starke Position zu sichern. Es gibt nicht viele von ihnen, doch es gibt sie. In jedem einzelnen Land Osteuropas.

brot+backwaren:  Viele Betriebe haben sich Hoffnung gemacht, dank vergleichsweise niedrigerer Lohnkosten in Westeuropa als Wettbewerber auftreten zu können. Das hat sich nur selten bewahrheitet. Worauf führen sie das zurück?

Dr. Gerbel:  Ursachen gibt es dafür mehrere, ich denke jedoch, dass die wesentlichsten der Protektionismus der westlichen Märkte (ein Begriff, der in der aktuellen Krisensituation leider neue Gestalten annimmt) und das traditionelle Misstrauen der westlichen Verbraucher gegenüber Produkten aus Osteuropa sind. Gescheiterte Versuche sich auf diesen Märkten durchzusetzen, gab es viele, ob es nun der Lebkuchen aus Pardubice war oder Brot, Backwaren und Konditoreierzeugnisse von östlichen Herstellern aus den Grenzregionen. Benötigt wird hauptsächlich Qualität, Ausdauer und eine finanziell anspruchsvolles Marketing, welches sich unsere Bäcker allerdings nicht erlauben können. Dass man aber auch Erfolg haben kann, bestätigten schon die ostdeutschen Bäcker, wie auch Hersteller von TK- oder vorgebackenen Produkten aus Tschechien und Polen. Der Weg der Distribution der Waren über einen lokalen Vermittler ist unkomplizierter, hier kann der konservative westliche Endverbraucher den Hersteller nur erschwert identifizieren.

brot+backwaren:  Wie sieht die Finanzlage der Betriebe aus, wie stark ist das Eigenkapital, wie stark sind sie verschuldet, wie stark trifft sie die gegenwärtige Kreditklemme?

Dr. Gerbel:  Generell sind die Bäcker in Zentraleuropa aus den bereits genannten Gründen unterkapitalisiert. Nachdem es ihnen gelungen war, sich von den Schulden aus der Privatisierung zu befreien, fingen sie an zu modernisieren. Nicht immer konnte sofort mit der Modernisierung der Produktionsmittel angefangen werden, oft war die Verbesserung der Wärmewirtschaft, der Hallendächer o.ä. vorrangig. Die Modernisierung von Produktionslinien und Anlagen hat praktisch erst vor ein paar Jahren begonnen und ist noch weit vom Ende entfernt. In den letzten Jahren, vor allem nach dem Verbilligen der Kredite und der besseren Zugänglichkeit von Leasings, haben Bäcker diese Finanzierungsinstrumente immer öfter ausgenutzt. Bäcker waren nie und sind keine Finanzspekulanten, sie waren und sind bei finanziellen Operationen und im Kreditwesen eher außerordentlich vorsichtig. Dies ist momentan eine positive Tatsache. Ich glaube nicht, dass die Banken das Kreditwesen langfristig beschränken werden, dieser Zustand ist vorübergehend. Viel mehr beunruhigen mich die Turbulenzen der nationalen Währungen, was einerseits die Rückzahlung von Krediten in anderen Währungen erschwert und andererseits auch die Investitionen in die Modernisierung der Anlagen abbremsen wird. Dem können wir nicht ausweichen.

brot+backwaren: Rechnen Sie damit, dass dadurch wesentliche, notwendige Investitionen verschoben werden oder gar vollständig ausbleiben?

Dr. Gerbel: Sicherlich, wir sind sogar schon Zeugen dieses Zustandes. Ein großer Teil der Projekte wurde gestoppt, bessere Zeiten abwartend. Unverständlicherweise gibt es auch solche, die unter dem Vorwand der Krise Bestellungen stornieren und gleich darauf in billigere Lösungen investieren, mit dem Risiko Qualität einzubüßen und ihre Position zukünftig abzuschwächen. Ich kenne jedoch auch Kunden, die sich entschieden haben, gerade jetzt zu investieren. Gezielt und qualitätsgerecht. Die vervielfachte Kraft dieses Effektes in dieser schweren Zeit ist ihnen voll bewusst. Der Mut und die Entschlossenheit von Kunden dieser Art (und es gibt nicht wenige von ihnen in Osteuropa) faszinieren mich schon fast 20 Jahre, seitdem ich mich in dieser Branche bewege. Meistens handelt es sich um die Marktführer.

brot+backwaren:  Wo sehen Sie gegenwärtig den größten Investitionsbedarf in den verschiedenen  Ländern, geografisch wie nach technischen Schwerpunkten?

Dr. Gerbel: Hier sind natürlich die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern ausschlaggebend. Länder wie Rumänien, Bulgarien und überraschenderweise auch Ungarn haben in der Summe weniger in die Erneuerung von Maschinen und Anlagen investiert, als Tschechien, die Slowakei oder Polen. Dort liegt also das größte Investitionspotential, es ist allerdings fraglich, wie schnell es in diesen Ländern gelingen wird, die Krise der Nationalwährungen und des Bankensektors zu überwinden. In Tschechien, der Slowakei und Polen werden die Investitionen in komplexe technologische Linien fließen, teilweise auch in neue moderne Produktionskapazitäten.
Was aber auf alle Länder zutrifft – die Bäcker werden in die Ausweitung der eigenen Handelsketten investieren. Dort sehe ich ein riesiges Potential.

brot+backwaren:  Ist das unterschiedlich nach Produktfeldern – Brot, TK, Konditorei, Dauerbackwaren, Cräcker etc?

Dr. Gerbel:  Die Investitionen in  die Modernisierung der Brotherstellung werden fortgesetzt, das Ziel wird die Vergrößerung der Produktionskapazitäten, Automatisierung, Energiesparen und hoffentlich auch endlich die allgemeine Erhöhung der Backwarenqualität sein. Am dynamischsten ist momentan die Nachfrage nach Linien für TK- und vorgebackene Produkte, dieser Trend wird noch stärker, auf dem Märkten Ost- und Mitteleuropas gibt es unverständlich viele weiße Stellen. Der Anteil solcher Erzeugnisse ist im Vergleich zu Westeuropa in diesen Ländern nach wie vor gering.
Auf dem Markt mit Dauerbackwaren und Kräckern sind die Würfel gefallen, er wird von einheimischen und internationalen Gesellschaften geteilt, mit dem Ziel ihre Positionen bestimmt nicht zu verlieren. Investitionen werden von diesen Gesellschaften zeitweise getätigt, Zielländer werden größere Märkte sein, wie Polen und Rumänien.

brot+backwaren: Wie sieht es mit Investitionen in Feldern wie Automatisierung der Steuerung, oder Energieeinsparung, in beiden Fällen  kann es Kostenersparnisse geben, die Investitionen rechtfertigen würden. Bekommen die Betriebe dafür Kredite oder gar Förderung?

Dr. Gerbel:  Bis auf einige Fälle hat sich bei der Automatisierung der Steuerung der Backwarenherstellung in den Ländern Osteuropas nicht viel getan. Die Ausnahme sind Linien für Kleingebäck in Tschechien, der Slowakei und Polen, wie auch einige Brot- und Toastbrotlinien in dieser Region, Ungarn mit eingeschlossen. Bei der Automatisierung der technologischen Prozesse bei der Herstellung von Brot und Feingebäck, im Bereich der Automatisierung  von Verpackung und Distribution der Produkte und der Säuberung des Transportgutes hat sich jedoch generell sehr wenig verändert. Hier sehe ich ein riesiges ungenutztes Potential und ich bin jenen Unternehmern dankbar, die den Mut gefunden und gezeigt haben, dass es sich lohnt, in dieser Richtung und auch in diesen Ländern zu investieren. Mit dem Energiesparen war es auf den ersten Blick einfacher, da beinahe jeder Tausch eines alten Gerätes gegen ein neues auch das Einsparen von Energie bedeutete. Einiges hat sich auch auf dem Feld der Verwertung von Energien aus Verbrennungsrückständen der Backöfen getan, vor allem in Tschechien, der Slowakei und Polen. Dies ist aber trotzdem bei weitem nicht ausreichend, die technischen Möglichkeiten sind heutzutage viel weitreichender. Als Beispiel nenne ich nur die sparsamen Thermoölöfen, welche auf diesen Märkten leider minimal vertreten sind und ich muss zugeben, dass ich nur von wenigen  osteuropäischen Kunden gefragt wurde, wie viel Energie unsere Kneter bei der Herstellung von 100 kg Teig verbrauchen. Dies wird sich ändern, der Energieverbrauch der Produktion hat und wird einen immer größeren Einfluss auf die Preiskalkulation der Produkte haben. Mir sind finanziell unterstützende Programme zur Energieeinsparung bekannt, in Polen z.B. waren einige Subventionen für Bäcker mit dem Einsparen von Energie verbunden. Meistens werden die Bäcker in diesen Ländern von ihren Regierungen jedoch regelrecht stiefmütterlich behandelt, es wird ihnen kaum gesellschaftliche Aufmerksamkeit entgegengebracht, kaum Anerkennung ihrer Arbeit, geschweige denn Unterstützung gewährt. Subventionen für die Entwicklung aus den Strukturfonds der EU sind bei den Bäckern nur vereinzelt angekommen, ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich hier nur Leute mit starken Nerven und guten Kontakten durchsetzen konnten.  Und das ist wichtiger, als das Ziel und der Verwendungszweck der Subventionen.

brot+backwaren: In welchen Ländern erwarten Sie den stärksten Rückgang der Investitionstätigkeit?

Dr. Gerbel:  In Ländern mit der größten Abwertung der eigenen Währung, ihre Reihenfolge kann schon morgen anders sein als heute. Ich glaube jedoch, dass sich die osteuropäischen Unternehmer mit diesem Umstand schneller abfinden, als im Westen erwartet wird, so wie wir es in der Vergangenheit mehrmals sehen konnten. Diese phänomenale Eigenschaft der Osteuropäer hat mich schon immer fasziniert.

brot+backwaren: Welche Konsequenzen erwarten Sie, daraus in den nächsten zwei bis fünf Jahren?

Dr. Gerbel:  Ich wiederhole, ich bin davon überzeugt, dass sich die Bäcker schneller aus der Krise befreien werden, als andere Branchen der Industrie und Wirtschaft. Vielleicht wird es 2 Jahre dauern, die muss man aushalten, sich der Krise unterzuordnen, wäre ein fataler Fehler.
Wie ich schon angemerkt habe, ich erwarte außer den negativen Auswirkungen auch positive. Die Investitionsaktivitäten der Bäcker werden zeitweise abgebremst, jedoch nicht für immer. Die Ausbreitung von westlichen Investoren auf diesen neuen Märkten wird aufgeschoben, durch die Abwertung der Währungen hat dieses Geschäft an Attraktivität eingebüßt. Durch die Rückkehr zu den realen Werten des Lebens und der Wirtschaft als logische Folge dieser “Reinigungsprozesse“, wird sich die gesellschaftliche Autorität der Backwarenbranche bestimmt erhöhen. Der Arbeitsmarkt wird sich entspannen, der viele Jahre andauernde Mangel an guten Arbeitskräften, unter welchem die Bäcker von Riga bis zum Balkan litten, wird Vergangenheit sein.
Nach der Krise wird der Markt noch transparenter werden, wahrscheinlich wird sich die Verteilung der Positionen auf dem Markt beschleunigen. Ich empfehle, sich besonders auf diese Phase zu konzentrieren, nicht der Panik zu unterliegen und in Zukunft keine Kompromisse auf Kosten von Qualität und Effektivität der Produktion einzugehen.

brot+backwaren:  Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation der Backbranche in Bulgarien und Rumänien ein, wie stark ist dort der Transformationsprozess fortgeschritten und  wie stark werden diese Länder von der Finanzkrise belastet?

Dr. Gerbel:  In den letzten Jahren war die Entwicklung der Backwarenbranche in diesen jüngsten Mitgliedern der EU eine angenehme Überraschung. Der Markt hat sich konsolidiert, er wurde in der Regel unter starken einheimischen Unternehmen aufgeteilt, bei denen die Backwarenherstellung meist eine ergänzende Aktivität ist. Auf dem rumänischen und teilweise auch auf dem bulgarischen Markt fungieren zugleich mehrere griechische, arabische und türkische Bäckereiunternehmen, wodurch das einheimische Milieu mit ihren Erfahrungen bereichert wurde. Die Dynamik der Investitionen hat uns in den vergangenen Jahren vor allem in Bulgarien überrascht. In beiden Ländern wurde viel und gut hauptsächlich in die Produktion von Feingebäck und teilweise auch Brot investiert. Dies ist allerdings nur der Anfang, im Allgemeinen ist die technische Ausstattung in diesen Ländern auf einem niedrigeren Niveau als in Zentraleuropa, das Tempo der Neuerungen ist dafür schneller als dort. Eine Erklärung dafür ist die Tatsache, dass die Agrar- und Lebensmittelproduktion in beiden Länder eine tiefere Tradition und gesellschaftliche Position haben, in Folge dessen die Backwarenbranche eine größere Attraktivität für Unternehmer besitzt. Diesen Umstand ändert die Krise nicht, eher umgekehrt.
Im Moment sind die Investitionsprozesse angehalten, was eine Konsequenz der Abwertung der Währungen und des Nichtfunktionierens des Banksystems ist. Die Vorbereitungen von Projekten werden jedoch fortgesetzt, das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft.