Wille zum Erfolg
Auf dem Backwarenmarkt in Zentralrussland läuft die Konzentrationswelle und die Kräfte formieren sich. Zu den Marktführern gehört die Gruppe „Grain Holding“. Mit dem Generaldirektor von Grain Holding, Andrej Wasiliewitch Alexeew sprach Chefredakteurin Hildegard M. Keil

Andrej Wasiliewitch Alexeew, Generaldirektor der Grain Holding Unternehmensgruppe
Keil: Herr Alexeew, Grain Holding wurde 1999 gegründet und wenn ich richtig informiert bin, lag der Ursprung im Getreidehandel. Heute gehören neben Getreidelagerung, Gesellschaften für Getreidehandel und Mühlen auch fünf Bäckereien zur Gruppe. Welchen Stellenwert haben die Bäckereien in diesem Verbund?
Alexeew: Der Anteil der Bäckereien am Umsatz der Gesamtgruppe beträgt heute rund 50%. Zu unserer Gruppe gehören zwei Getreidelagerbetriebe, einer in Stawropol, einer im Gebiet Rjasan, eine Mühle in Rjasan und insgesamt fünf Bäckereien. Wir setzen außerdem Getreide und Mehl im In- und Ausland ab.
Keil: Hinter dem Erwerb der Bäckereien stand die Strategie der vertikalen Integration entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Warum ist diese Strategie aus Ihrer Sicht notwendig?
Alexeew: Grundsätzlich ist es unsere Mission, die Bevölkerung mit gutem und frischem Brot zu versorgen. Durch die vertikale Integration kontrollieren wir die Wertschöpfungskette von der Qualität des angekauften Getreides über die Qualität der Vermahlung und des verwendeten Mehls bis hin zur fertigen Backware. Andererseits geht es auch darum, die eigene Brotindustie mit qualitativ hochwertigem Mehl versorgen zu können. 2007 war zum Beispiel ein Jahr mit sehr volatilen Getreidepreisen. Gerade in solchen Situationen macht sich die vertikale Integration im wahren Sinn des Wortes bezahlt.
Keil: Welches Ziel verfolgt Grain Holding auf dem russischen Backwarenmarkt?
Alexeew: Wir wollen die Nr. 1 auf dem Brotmarkt in Zentralrussland werden und später vielleicht auch darüber hinaus. Um das zu erreichen, müssen wir natürlich noch wachsen. Dazu gibt es zwei Entwicklungswege: die Extension durch Zukauf und die Intensivierung durch Modernisierung und neue Technologien. Wir gehen beide Wege. Wir haben im Laufe der Zeit einige Erfahrungen gesammelt und Methoden entwickelt, Bäckereien, die uns zum Ankauf angeboten werden, zu bewerten. Manchmal kaufen wir zusammen mit Produktionskapazitäten einen gewissen Marktanteil und lokale Marken. Hier in Podolsk sind wir beide Wege gegangen. Wir haben zunächst einen Betrieb gekauft und bauen jetzt eine komplett neue und sehr leistungsfähige Produktion auf. Das ist neben dem Neubau einer großen Mühle in Rjasan derzeit unser größtes Investitionsprojekt. An anderen Standorten haben wir die Produktionen dagegen rekonstruiert und modernisiert, wie beispielsweise am Standort Moskau des Podolsker Brotkombinats. Ebenso wichtig wie der Aufbau und die Weiterentwicklung der Kapazitäten ist für uns ein gemeinsamer hoher Qualitätsstandard, zu dem alle Werke der Gruppe verpflichtet werden.
Keil: Wo siedeln Sie das Angebot Ihrer Bäckereien an und wo sehen Sie die größten Entwicklungschancen, im Markt für Massenprodukte oder im Markt für Brotspezialitäten?
Alexeew: Auf dem Markt der Spezialitäten (auch Kleingebäck genannt) haben die Bäckereien der Grain Holding nur eine geringe Bedeutung. Russland hat in der jüngsten Zeit große Veränderungen erlebt. Vor der Krise haben wohlhabendere Schichten der Bevölkerung Spezialitäten gekauft und kurz vor der Krise schien es, als würde dieser Markt langsam in Schwung kommen. Inzwischen sehen wir eine gegenteilige Entwicklung. Aber sowohl vor wie nach der Krise haben die Spezialitäten in Russland nur eine sehr geringe Marktbedeutung. Das ist eher eine Marktnische für Handwerker. Grain Holding konzentriert sich auf die industrielle Produktion traditioneller russischer Brote wie Batone, Kastenbrote, freigeschobene Mischbrote, Brötchen aus Brotteig und Blätterteiggebäcke. Wir wollen jene Produkte liefern, die in großer Stückzahl maximal automatisiert produziert werden können.
Keil: Welchen Einfluss haben die Veränderungen im Lebensmittelhandel für die Backwarenhersteller in Russland? Es gibt hierzulande eine lange Tradition der Versorgung mit traditionellen Brotsorten über zahlreich kleine Verteilerstellen. Mittlerweise sind sowohl national wie regional bedeutende russische Supermarktketten entstanden. Gleichzeitig drängen internationale Gruppen auf den Markt. Was bedeutet das für die Brothersteller? Sehen Sie sich einer wachsenden Einkaufsmacht gegenüber?
Alexeew: Immer mehr Super- und Hypermärke werden eröffnet und nationale wie internationale Verkaufsnetze werden entwickelt. Für die Backwarenindustrie ergeben sich daraus höhere Qualitätsanforderungen und strengere Vorschriften für die Logistik. Es gibt eine ganze Reihe von Handelsgruppen, die für das Abladen der Backwaren einen Zeitkorridor von 15 Minuten einräumen. Wer dreimal verspätet ankommt, zahlt Vertragsstrafen. Die wachsende Bedeutung der Handelsunternehmen für den Backwarenmarkt stärkt auch deren Einfluss auf die Preise. Jede Gruppe will die besten Bedingungen und die Überkapazitäten der Backwarenhersteller in Zentralrussland begünstigen zurzeit diese Entwicklung.
Keil: Wie wird sich das weiter entwickeln?
Alexeew: Das ist eine Frage der Zeit. Einige Anbieter haben bereits den Markt verlassen, andere werden das noch tun. Wir erleben zurzeit einen Konzentrationsprozess in der Backwarenbranche.
Keil: Erwarten Sie den Eintritt ausländischer Bäckereigruppen auf dem russischen Markt?
Alexeew: Mit Fazer ist in St. Petersburg und in Moskau bereits eine solche Gruppe am Markt, allerdings durch Einkauf in bestehende russische Unternehmen. Aber man sollte nicht außer Acht lassen, dass die Gewinne im Frischbackwarensortiment in Russland geringer sind als beispielsweise bei Tiefkühlbackwaren. Deshalb erwarte ich mögliche Eintritte eher in diesem Sortiment des russischen Marktes. Harry’s aus Frankreich produziert Toastbrot in Russland und bedient damit einen kleinen Spezialmarkt. Toastbrot hat keine russische Tradition. Ansonsten wird die Konsolidierung vorangehen und ob die Investoren dabei aus Russland kommen oder aus dem Ausland, ist eigentlich nicht entscheidend. Wichtiger für uns sind die Seriösität und der Entwicklungsstand der Konkurrenten.
Keil: Wie sehen Sie denn die Chancen für Tiefkühlbackwaren hier im Land?
Alexeew: Bislang ist der Markt unterentwickelt. Außerdem erfordert er hohe Investitionen. Derzeit sind nur Restaurants, Cafés und Fast-Food-Läden Kunden dieses Marktes. Aber der Markt wird wachsen, wenn auch nicht schnell.
Keil: In Westeuropa versucht sich der Lebensmittelhandel mit eigenen Instore-Bäckereien bzw. Backstationen zu profilieren. Erwarten Sie eine ähnliche Entwicklung in Russland und welchen Stellenwert haben solche Konzepte heute?
Alexeew: Die meisten großen Hypermärkte betreiben schon eigene Bäckereien. Aber das Brot, das dort produziert wird, ist nicht so lange haltbar wie das aus Brotfabriken. Unsere Brote sind traditionell bis zu 72 h frisch. Insofern bringen uns die Instore-Bäckereien keine großen Verluste. Die Bedeutung ist ähnlich der der Spezialbrotsorten.
Keil: Wie sieht es mit den Forderungen des Handels aus, nicht verkaufte Brote zurück zu nehmen?
Alexeew: Das ist natürlich vertragsabhängig. Aber in den großen nationalen und internationalen Ketten ist das üblich. Derzeit liegt die Rücklaufquote bei drei bis fünf Prozent. Mit gezielten Analysen, Merchandising-Maßnahmen undLogistik versuchen wir, Sortiment und Menge zu optimieren.
Keil: Was meinen Sie mit Logistik, die dabei hilft?
Alexeew: In Russland kann es durchaus billiger sein, zweimal täglich frisches Brot zu bringen und so die Frische im Regal höher und damit attraktiver für die Verbraucher zu halten.
Keil: Die Brotpreise in Russland sind nach wie vor sehr niedrig. Umgerechnet kosten nur wenige Sorten pro Kilogramm mehr als einen Euro. Erwarten Sie, dass die Preise mitelfristig steigen?
Alexeew: Das hängt davon ab, wie die Getreideernten in Russland ausfallen und wie sich die Getreide- und Mehlpreise entwickeln. Im vergangenen Jahr hatten wir eine gute Ernte und ein Teil davon ist noch in den Lagern. Vorerst werden die Brotpreise also eher nicht steigen. Aber wohl auch nicht sinken.
Keil: Wie sieht es in Russland mit dem Nachwuchs an qualifizierten Mitarbeitern aus, die moderne Hochleistungsanlagen bedienen können?
Alexeew: Im Moment verfügen wir über gute und intelligente Ausrüstungen, haben aber keine Hochschule oder ähnliches, die eine adäquate Ausbildung bietet. Wir sind deshalb gezwungen, die Mitarbeiter, die wir brauchen selber zu schulen. Grain Holding hat deshalb ein eigenes Schulungssystem auf die Beine gestellt.
Keil: Kommen wir zu den russischen Verbrauchern. Was sind deren wichtigste Kriterien beim Brotkauf?
Alexeew: Es gibt auch hin Russland verschiedene Kategorien von Verbrauchern. Die meisten legen Wert auf Geschmack, Frische und Preis, in dieser Reihenfolge. In jüngster Zeit wird die geographische Lage des Einkaufsortes wichtig. Die Verbraucher wollen nicht in verschiedene Läden gehen, um ihre Einkäufe zu tätigen, sondern möglichst an einem Ort alles einkaufen.
Keil: Wie sieht es mit der Markentreue aus?
Alexeew: Es gibt sie, aber das betrifft bislang eher eine Minderheit unter den Verbrauchern.
Keil: Gibt es einen Markt für Bio-Backwaren?
Alexeew: Dieser Markt steckt in der Anfangsphase. Dieses Segment wird wachsen, wenn auch nicht sehr schnell. Interesse ist bei Teilen der Bevölkerung vorhanden. Das hängt allerdings auch vom Einkommen ab, Biobrot kostet mehr. Auch die Grain Holding produziert Biobrote.
Keil: Es gab Zeiten, da lag der Brotverzehr in Russland pro Kopf bei weit über 100 kg und Jahr. Wo liegt er heute und wohin wird sich dieser Markt Ihrer Ansicht nach entwickeln?
Alexeew: In den 30er und 40er Jahren war die offizielle Norm für Arbeiter 800 g pro Tag, für Angestellte 500 g und für Kinder und Alte 400 g. Heute werden laut Statistik pro Kopf rund 138 Gramm am Tag gegessen. Auch das ist nach Einkommensniveau unterschiedlich. In Moskau liegt der Wert bei 125 g pro Kopf und Tag, in ländlichen Gebieten höher.
Keil: Grain Hodling ist heute ein rein russisches Unternehmen mit einer guten Performance. Wie schätzen Sie Ihre Zukunft ein?
Alexeew: Wir entwickeln derzeit sehr gut und sind in einigen zentralrussischen Regionen präsent. Wir haben die erste Welle der Krise gut überlebt und sind stolz darauf, dass wir unabhängig von der Krise unsere Investitionspläne umsetzen können. Mit den Neubauten in Podolsk und Rjasan schaffen wir uns eine gute Ausgangsbasis für die kommenden Jahre und sind für die Zukunft sehr zuversichtlich.
Keil: Herr Alexeew, wir danken Ihnen für das Interview.
Grain Holding Die Grain Holding Unternehmensgruppe ist ein Unternehmensverbund in Form einer Aktiengesellschaft, deren Aktien allerdings nicht an der Börse gehandelt werden. Der Umsatz lag 2008 bei rund 105 Mio. US-Dollar. Merkmal der Gruppe ist die vertikale Integration aus zwei Getreidelagern, einer Mühle und fünf Brotkombinaten. Außer einem Getreidelager in der Region Stawropol sind die Hauptbetriebe in Zentralrussland angesiedelt. Zwei Groβbäckereien befinden sich in und um Moskau: ein Brotkombinat in Podolsk mit zwei Standorten in Podolsk bei Moskau und im Norden von Moskau. Rjasan beherbergt ein Getreidelager, eine Mühle sowie eine Bäckerei, eine zweite liegt in der Stadt Kasimov. Noch eine Bäckerei ist in Kostroma angesiedelt. Der Standort Moskau des Podolsker Brotkombinats wurde vor zwei Jahren mit zwei neuen Linien für die Herstellung von Weizenbaton ausgerüstet. Derzeit wird in Podolsk ein neues Werk gebaut, dass insgesamt auf sechs Produktionslinien Batone, Kastenbrote, Toast und Feingebäck produzieren wird. Ebenfalls im Bau befindet sich eine neue Mühle in Rjasan. Die bisherige Mühle in Rjasan verfügt über eine Vermahlungskapazität von 500 t pro Tag, die neue wird täglich weitere 1200 t bereitstellen können. Bemerkenswert an der Gruppe ist die Tatsache, dass die Unternehmen so positioniert sind, dass sie die Gebiete in Zentralrussland beliefern können, in denen mehr als 22 Mio. Einwohner leben.
- Oblast Rjasan 510 000 Einwohner
- Oblast Moskau 6,712 Mio. Einwohner
- Stadt Moskau 10,5 Mio. Einwohner
- Oblast Kostroma 692 315 Einwohner
- Oblast Tula 1,553 Mio. Einwohner
- Oblast Jaroslawl 1,310 Mio. Einwohner
- Oblast Iwanowo 1,073 Mio. Einwohner
Die Mühle wird nach Fertigstellung des Baus nicht nur die eigenen Bäckereien versorgen können, sondern sogar mehr Mehl bereitstellen, das in diesem und anderen Gebieten täglich verbacken wird. Das wird der Grain Holding zweifellos eine gute Position im Kampf um den derzeit noch unter starken Überkapazitäten leidenden Brotmarkt sichern, wenn auch keine unangefochtene. Auch andere große Anbieter praktizieren eine ähnliche vertikale Integration.
|